THEMA: 2x Algerien (ein Reisebericht)
09 Okt 2020 15:03 #596333
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Ideles – Erg Amguid




Kurz nach Mittag war der LKW wieder fahrtüchtig und wir konnten unsere Reise fortsetzen. Wir befanden uns jetzt eindeutig auf der Rückreise. Unsere Route führte direkt Richtung Norden.

Wir fuhren entlang des Teffedest-Gebirges. Dieser Gebirgszug ist im Gegensatz zum Hoggar nicht vulkanischen Ursprungs, sondern besteht aus Granit. Über längere Strecken finde sich relativ viel Vegetation und es soll hier sogar Antilopen und Geparden geben. Wir sahen weder das Eine, noch das Andere.

In einigen Bereichen erinnerte mich die Landschaft stark an Damaraland & Kaokovelt.


















Am nächsten Tag ging es weiter in direkter Linie nach Norden. Eine zeit lang fuhren wir noch entlang des Teffedest, welches im Norden im markanten Granitklotz des Garet el Djenouon kulminiert. Dieser Berg hat für die Tuareg eine mystische Bedeutung.

Hier verlassen wir das Tal und kommen auf die weite Ebene, welche im Norden sanft in den Erg Amguid übergeht. Die weiten Sandflächen sind einfach zu befahren und wir kommen zügig voran.
















Letzte Änderung: 09 Okt 2020 15:15 von Topobär.
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30 Okt 2020 15:06 #597599
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Erg Amguid – Hassi Messaoud



Es geht auf Mittag zu. Wir befinden uns auf einer weiten Sandebene. Mit mehreren Motorrädern sind wir in zügigem Tempo in breiter Front nebeneinander unterwegs. Urplötzlich bocken die Motorräder wie wild gewordene Rodeopferde. Wir sind in ein Feld mit Sandwehen geraten, welches wir durch den hohen Sonnenstand nicht erkannt haben. Bei Sandwehen handelt es sich um bis zu 30cm hohe betonharte Sandverwehungen. Man kann sie am besten mit den Riffeln vergleichen, die man vom Wattenmeer oder sandigen Stellen in Fließgewässern kennt, nur dass hier der Sand nicht vom Wasser, sondern vom Wind geformt wurde.

Das einzige was jetzt hilft ist aufstehen, Kupplung ziehen, auf die langen Federwege der Motorräder vertrauen und ausrollen. Das klappt auch bei allen sehr gut. Einzig Rüdiger ist einem falschen Reflex erlegen. Anstatt der genannten Maßnahmen hat er sich für eine Vollbremsung entschieden. Ein fataler Fehler. Beim Abbremsen federt das Motorrad vorne stark ein. Dadurch fehlt beim nächsten Buckel der benötigte Federweg. Die Folge ist unausweichlich das Überschlagen von Maschine und Fahrer.

Wir sind sofort bei Ihm und auch der LKW ist kurz danach zur Stelle. Jetzt bewährt es sich, dass wir Stefan als Beifahrer im LKW mit dabei haben. Bislang hatte es als Beifahrer nur ein paar unterstützende Hilfstätigkeiten bei den Reparaturen und Mahlzeiten, ansonsten aber eine sehr entspannte Reise. Jetzt schlägt seine Stunde, denn er ist als ausgebildeter Rettungssanitäter genau für solch einen Notfall mit dabei.

Rüdiger ist bei Bewusstsein, hat aber starke Schmerzen. Den Helm hat es Ihm halb vom Kopf gerissen und es ist viel Blut zu sehen. Die größte Sorge ist eine Wirbelsäulenverletzung. Aktuell ist das Rückenmark nicht verletzt, Rüdiger kann seine Beine bewegen, aber die Gefahr ist damit nicht gebannt. Vorsichtig wird der Helm entfernt und sofort eine Genickstütze installiert. Danach wird er auf eine Vakuumtrage gebettet.

Während Stefan den Verletzten weiter untersucht und versorgt, verladen wir Rüdigers Motorrad und räumen die Ladefläche des LKW um, damit Rüdiger und Stefan dort transportiert werden können. Das viele Blut hatte seine Ursache im zu locker geschlossenen Kinngurt seines Helms. Dadurch konnte sich die Schnalle über das Kinn schieben und hat dieses bis Einschließlich der Unterlippe tief aufgerissen sowie 2 Zähne ausgeschlagen.

Rüdiger braucht jetzt dringend ein Krankenhaus mit Röntgengerät. Das nächstgelegene befindet sich in Hassi Messaoud. Bis dorthin sind es noch 750km. Zum Glück ist die Strecke ab Bordj Omar Dris asphaltiert. Sowie Rüdiger erstversorgt ist, verladen wir Ihn und brechen dann sofort auf.

Zunächst geht es noch durch traumhafte Wüstenlandschaften, aber so richtig entspannt sitzt dabei niemand auf seinem Motorrad















Wir schaffen es gerade noch vor Sonnenuntergang die Asphaltstraße zu erreichen und sind darüber alle sehr erleichtert. Im Dunkeln in Gelände zu fahren wäre kein Spaß gewesen. Selbst auf der Straße fühlen wir uns nicht wirklich wohl, denn Geländemotorräder zeichnen sich nicht gerade durch übermäßig gute Beleuchtung aus. Aus diesem Grund befinden die Motorräder alle dicht vor dem mit Fernlicht und Zusatzscheinwerfern fahrenden LKW.

In Hassi Messaoud bestätigt sich dann mein guter Eindruck algerischer Krankenhäuser. Obwohl wir erst spät abends ankommen, liegt Rüdiger in kürzester Zeit unter dem Röntgengerät. Bald darauf gibt es Entwarnung. Weder die Wirbelsäule, noch ein anderer Knochen sind gebrochen. Auch die starken Schmerzmittel zeigen Wirkung und so wird Rüdiger im LKW bis Djerba mitfahren. Wir verlassen die Stadt und schlagen nur wenige Kilometer später unser Camp in der Wüste auf.

Dieser Unfall bestätigt wieder einmal die These, dass sich in der Sahara auf 40.000 Personenkilometer mit dem Motorrad ein schwerer Unfall ereignet.
Letzte Änderung: 30 Okt 2020 15:09 von Topobär.
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30 Okt 2020 19:03 #597614
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Eine Frage hier zu:
Das einzige was jetzt hilft ist aufstehen, Kupplung ziehen, auf die langen Federwege der Motorräder vertrauen und ausrollen.
Fahrt ihr im Sitzen? Im stehen kann man doch viel besser sehen, d.h., nicht, dass man alles sieht, aber die Wahrscheinlichkeit ist doch grüßer.
Allerdings schaffe ich es auch nicht mehr, 400Km komlett im stehen zu machen.
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02 Nov 2020 09:28 #597789
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Wenn man den ganzen Tag im Gelände unterwegs ist fährt man nicht die ganze Zeit im stehen. Bei hohen Geschwindigkeiten und ebenem Untergrund fahren selbst Rallyefahrer zwischendurch im sitzen. Wir befanden uns zum Zeitpunkt des Unfalls bereits seit mehr als 20km auf einer weiten festen Sandfläche, die ebener und glatter als so manche Straße in Deutschland war. Bei 100km/h sorgt allein schon der Windwiederstand dafür, dass man nicht im stehen fährt. Das Hauptproblem war, dass die Sonne so hoch stand, dass es keinen sichtbaren Schattenwurf durch die Sandwehen gab. Ich glaube nicht, dass ich die Gefahr im Stehen eher erkannt hätte.

Da Tückische an der Sahara ist, dass man über weite Strecken sehr leichtes Gelände hat. Aufgrund der großen Distanzen ist man dort mit recht hohen Geschwindigkeiten unterwegs und dann kommt ohne Vorankündigung plötzlich eine Gefahrenstelle. Wenn man die nicht rechtzeitig erkennt, ist ein schwerer Unfall vorprogrammiert. Die meisten mir bekannten Unfälle in der Sahara sind auf diese Weise passiert.
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12 Nov 2020 16:21 #598552
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Hassi Messaoud – Djerba

Für den Weg von Hassi Messaoud zurück nach Djerba nahmen wir die gleiche Strecke wie auf dem Hinweg. Dabei verbrachten wir wieder eine Nacht im Dattelpalmenwald nahe der Grenze.



Für die letzte Nacht entschieden wir uns, auf das Hotel in Djerba zu verzichten und lieber noch einmal unter dem Sternenhimmel Afrikas zu übernachten. Georg hatte uns eine traumhaft schöne und einsame Bucht am Mittelmeer versprochen und dabei nicht übertrieben.






Am nächsten Tag waren wir schnell auf Djerba. Dort verluden wir die Motorräder auf dem LKW und dann mussten auch schon die Ersten von uns zum Flughafen.

Unser LKW musste dann auf der Rückfahrt den hohen Belastungen als Rallye-LKW und unserer Tour endgültig Tribut zollen. Schon in Deutschland angekommen blieb er kurz vor dem Ziel auf der Autobahn mit Rahmenbruch liegen – Totalschaden.


P.S.
Einen Bericht kann ich noch bieten, dann wird es Zeit, dass ich wieder nach Afrika komme. So bald wie möglich werde ich mit dem Reisebericht von meinem bislang größten Abenteuer beginnen – einer Kanu-Expedition auf dem South Nahanni River.
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12 Nov 2020 17:01 #598553
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Danke für diesen ausführlichen und bilderreichen Bericht! Ich habe ihn mit großem Interesse verfolgt!
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