THEMA: Kenia: Wolken über dem Paradies
13 Mär 2018 15:56 #514613
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  • BMW am 13 Mär 2018 15:56
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Guten Tag Mzee,

Du warst über die letzten ca 50 Jahre eigentlich immer schon kritisch (schon alleine durch Deine Erfahrung )

habe aber jetzt stark den Eindruck, dass in diesem Winter 17/18 etwas Grundsätzliches noch dazugekommen ist,

das jetzt Deine Einschätzung nochmals verändert hat..........falls dem so wäre.....wäre ich froh um Details.....so Du

Dich äussern magst.....

mit freundlichen Grüssen ins Appenzellerland...............BMW
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13 Mär 2018 16:32 #514630
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  • Mzeekenya am 13 Mär 2018 16:32
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Hallo BMW,

die Änderung kam nicht über Nacht, sondern ist das Ergebnis eines langsamen Prozesses, der Jahre gedauert hat. In den vergangenen zehn Jahren, ganz besonders aber in den letzten fünf, hat sich Kenia so ausserordentlich verändert, dass ich diese Änderungen für mich nicht mehr akzeptieren konnte und kann. Viele Menschen sind - vielleicht um überleben zu können - unglaublich agressiv geworden und vor allem bei jungen Männern zeigt sich eine starke Abneigung gegen Wazungu (Weisse). Das geht bis zu Rempeleien und Beschimpfungen. Wenn man, wie ich meistens, allein im Wagen unterwegs ist, wird man auch regelmässig zum Opfer der Polizeikontrollen. Ich schmiere zwar in den meisten Fällen nicht, aber die Diskussionen sind ungeheuer ermüdend und kosten den letzten Nerv.
Letztes Jahr wurde ein sehr guter Bekannter von mir, der ganz in meiner Nähe wohnte, nachts überfallen. Als er sich vor seine Frau stellte, schlugen die Kriminellen mit Pangas auf ihn ein und er verblutete innerhalb weniger Minuten (sie erbeuteten 600 ksh, 5 EU). Mein (holländischer) Nachbar (300 m entfernt) wurde ebenfalls im vergangenen Jahr innerhalb von zwei Monaten drei Mal von sieben Schwarzen, die alle AK47 hatten, überfallen und ausgeraubt. Ich wurde einmal in Namibia und zwei Mal in Harare überfallen, setzte mich zur Wehr und ausser zwei eingeschlagenen Autofenstern und dem Verlust einer Tasche mit Unterwäsche meiner damaligen kenianischen Frau trug ich keinen Schaden davon. Doch natürlich: schwindende Nervensubstanz - und die lässt sich auch mit viel Geld nicht mehr ersetzen.
Auch nicht gerade förderlich für ein friedliches Zusammenleben ist ein Wesenszug vieler Kenianer/Kenianerinnen: Man versucht den Mzungu wo's geht zu bescheissen und über den Tisch zu ziehen. Jeder Mzungu ist in ihren Augen Millionär und soll gefälligst einen Teil seiner Reichtümer weiter reichen. Ich habe mich früher oft geärgert, wenn ich gesehen haben, wie viel Geld Touristen ihren Fahrern oder Guides gegeben haben und damit die Preise versauten.
Ich könnte noch Vieles aufzählen, was das Fass zum überlaufen gebracht hat. Aber was soll's - das muss jeder selbst erleben/erfahren und die Zweiwochen-Touris werden kaum je an diesen Punkt kommen.
Soviel in Kürze.
Gruss und danke für den Post.
Mzeekenya
Letzte Änderung: 13 Mär 2018 16:53 von Mzeekenya.
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13 Mär 2018 19:03 #514662
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  • Rehema am 13 Mär 2018 19:03
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Danke, Mzee, dass Du endlich mal mit etwas Konkreterem herausgerückt bist! Damit kann man ja wieder einordnen, woher Deine Äußerungen kamen. Bloß so isolierte, kurze Einzelaussagen - damit habe ich Mühe. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die Afrika glorifizieren. Mein Verhältnis ist schon lange sehr ambivalent. Aus ähnlichen Gründen wie Du sie schilderst. Als ich Anfang der 90er Jahre nach meinem Abitur nach Deutschland zurückging, sagte ich mal: das einzige, worauf ich mich freue, ist, dass ich dort nachts ruhig schlafen kann.
Und mit deshalb habe ich mich dagegen gewehrt, dass es nun so dargestellt wird, als wäre es vor 20 oder 30 Jahren noch das Paradies gewesen, was es nun nicht mehr ist.
Zu Deinen Anmerkungen wegen der Reisewarnungen:
Nein, ich habe sie nicht selektiv gelesen oder interpretiert. Ich habe nur nicht alles kommentiert. Bis auf die von Dir zitierte Schilderung der MotorradÜberfalle in Staus waren mir alle anderen Dinge auch aus den 80er und 90er Jahren bekannt. Zwischen Amboseli und Tsavo West durfte man schon damals nur mit bewaffneter Bewachung in Konvois fahren. Das selbe galt auch damals schon für die Strecken in den Norden nach und um z.B. Maralal. Es gab auch damals schon tödliche Überfälle in Camps der Maasai Mara (da die wohl wieder zunahmen, hat man dann das mit der Bewachung eingeführt). Freunde von uns wurden Anfang der 90er auf der von Dir genannten Zufahrt zur Tiwi Beach überfallen, wir ebenfalls dort in einem Ferienhaus (glücklicherweise gewaltfrei - andere Freunde nicht gewaltfrei). Car HIjacking mit Waffen war damals auch im Gange. Nairobbery hiess es schon damals. Mein kleiner Bruder und seine Freunde wurden tags zwischen Yaya Center und Dagoretti corner mit einem Messer bedroht (auch 80er Jahre), und nicht nur bei uns um die Ecke wurden Leute vor ihrem Gate erschossen. Andere in ihren Häusern überfallen. Auch ich könnte von vielen mehr erzählen - und das war halt alles eben nicht erst in den letzten 5 Jahren. Darauf habe ich reagiert.
Bei Dunkelheit sollte man schon damals nicht über Land fahren - und das gleiche gilt für Malawi, Tanzania - und ich persönlich versuche es in allen Ländern dieses Kontinents zu vermeiden.
Dass eine Stadt, die in 30 Jahren aus 1 Million zu mehr als 7 Millionen geworden ist auch an Gewalt zunimmt, erst Recht mit all den diversen Spannungen, denen Kenya ausgesetzt ist (ethnisch, und arm-reich), ist klar. Diverse Freunde von uns, die entweder immer noch oder wieder in Nairobi leben, leben heute nicht viel anders dort als früher.
Dass es viele "Desillusionierte" über "Afrika" gibt, ist bekannt, und ich kann es auch verstehen. Malawi ist auch für uns alles andere als ein Paradies - auch wenn die Gewaltbereitschaft hier wesentlich geringer ist als sie in Kenya immer schon war. Ich kämpfe aber insgesamt weiter um einen Blick nach vorne - denn ich empfinde, dass man ebenso über die gesamte Welt und deren Zustände desillusioniert sein könnte. Und egal - ich muss (und will!) leben, und den Kopf nicht in den Sand stecken. Das ist meiner Meinung nach nicht gleich zusetzen mit "Scheuklappen Blick".
Ich habe übrigens anfangs, als ich zu diesem Forum stieß, beim Lesen gemerkt, wie in mir manchmal ähnliche Gefühle hochstiege: immer nur sich die Rosinen raus picken als Reisender, und vom Land und deren Probleme nichts wissen wollen. Damit kann ich schlecht. Aber ich habe darüber nachgedacht, wozu dieses Forum dient, und dass man (wie Elvira schrieb) auch nicht jedes Land auf der Welt sich zu eigen machen kann, und schon gar nicht dessen Probleme lösen kann. Dass genügend afrikanische Länder zu einem hohen Anteil vom Tourismus leben - von einem Tourismus, den ich persönlich nicht kenne, da wir immer nur mit Zelt als Selbstversorger unterwegs waren. Und dass ich mich entscheiden muss, ob ich das in Ordnung finde, dass Menschen so reisen, oder nicht. Ich habe mich entschieden, dass ich es in Ordnung finde, und dass dieses Forum deshalb nicht der Ort ist, an dem ich meine vielen anderen Afrika-verlinkten Gedanken und Gefühle teilen muss.
Das Leben ist so komplex.....
Ich wünsche Dir, Mzee, dass Du nicht in der Verbitterung Deinen Lebensabend verbringst. Das meine ich von Herzen.
Antje
Lebten in Malawi, Tanzania und Kenya
Fahrten durch Kenya, TZ, und Malawi. Bisschen Zambia.
Botswana April 2018 - Reisebericht "Botswana's Beasts & Beauty im April"
Bericht Malawi 2015-2018 - "Kleinode in Malawi"
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13 Mär 2018 20:18 #514680
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  • marimari am 13 Mär 2018 20:18
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Mzeekenya schrieb:
Auch nicht gerade förderlich für ein friedliches Zusammenleben ist ein Wesenszug vieler Kenianer/Kenianerinnen: Man versucht den Mzungu wo's geht zu bescheissen und über den Tisch zu ziehen. Jeder Mzungu ist in ihren Augen Millionär und soll gefälligst einen Teil seiner Reichtümer weiter reichen.
Mzeekenya

Hallo für die Erkenntnis brauchst nicht nach Kenya zu fahren- das ist doch in fast allen ärmeren Ländern so. Wieviele Herren und Damen kommen aus den (Urlaubs-) Ländern zurück, sind so verliebt und blauäugig und lassen das ganze Geld zur Familie der "Angebeteten/ des Angebeteten" fliessen.
Irgendwann gehen diese Beziehungen auseinander und dann kommt der Frust.
JA M. auch ich habe lange genug im Ausland gelebt (Asien)...auch wir sind durch Kenya mit eigenem Auto gefahren und haben fast ausschliesslich gecampt..die Augen habe ich nicht verschlossen ...das wäre auf der Escarpment - Road genau so gefährlich, wie "blind" von St. Gallen nach Teufen oder von Altstätten nach Gais zu fahren :P
Cheers, M.
Nächste Reiseziele:
31.07. 2019 - 04.08 2019: Perast, Kotor (Montenegro)
10.08.2019-17.08.2019 Singapore + Pulau Bintan
31.08-21.09: Marokko Wüstentesttour (Parking Malaga)
26.12-07.01 2020: Panama City + Curacao, Coral Estate
01.04-19.04 Incredible India:-) - Rajasthan
Letzte Änderung: 13 Mär 2018 20:22 von marimari.
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13 Mär 2018 20:42 #514684
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  • Mzeekenya am 13 Mär 2018 16:32
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Rehema schrieb:
Nein, ich habe sie nicht selektiv gelesen oder interpretiert. Ich habe nur nicht alles kommentiert. Bis auf die von Dir zitierte Schilderung der MotorradÜberfalle in Staus waren mir alle anderen Dinge auch aus den 80er und 90er Jahren bekannt. Zwischen Amboseli und Tsavo West durfte man schon damals nur mit bewaffneter Bewachung in Konvois fahren.
Antje

Ich habe nicht geschrieben, dass die von mir erwähnten Vorfälle und Situationen "ganz neu" sind - die meisten habe ich schon in den 70er- und 80er-Jahren erlebt bzw. davon gehört. Was sich geändert hat, ist einerseits die Intensität und die Häufigkeit z.B. von Überfällen und Gewalttaten und andererseits die Brutalität, mit der die Kriminellen vorgehen. Man ist fast nirgends mehr sicher.
Kein Wunder: Als ich Mitte der 60er-Jahren zum ersten Mal nach Kenia kam, hatte das Land 8 Millionen Einwohner - heute sind es 45 Millionen. Die Armut ist erschreckend; allein Nairobi hat ein halbes Dutzend Slums. Im grössten leben geschätzt 200 000 Menschen... So gesehen hat sich in vier, fünf Jahrzehnten sehr viel verändert und leider nicht zum Besseren. Fast jedes Jahr kommt es, besonders in den trockenen Gebieten zu Hungersnöten mit hunderten von Toten. Sauberes Wasser ist vielerorts ein Luxusgut. Verschmutztes Wasser wiederum ist für zahlreiche, tödliche Cholera- und Diarrhoe-Fälle verantwortlich, die besonders unter den Kindern viele Opfer fordern.
Kenia ist angeblich die führende Wirtschaftsnation Ostafrikas. Davon profitiert aber lediglich eine Elite im Promillebereich. Und die kümmert sich einen Sch... um die Armen und Ärmsten.
Mzeekenya
Letzte Änderung: 13 Mär 2018 21:05 von Mzeekenya.
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14 Mär 2018 09:59 #514751
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  • carlos666 am 14 Mär 2018 09:59
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Guten Tag,
ich kenne Kenia auch seit 1971 ganz gut und ich kann Mzeekenya voll zustimmen.

LG George
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