THEMA: Reisebericht: Drei Wochen Äthiopien mit dem Rotel
18 Jan 2020 14:00 #577675
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Hallo,

in den nächsten Tagen/Wochen möchte ich hier aus dem Reisetagebuch unserer Äthiopienreise 2019 berichten.
Damit unsere Freunde und Bekannten sowie alle Interessierten hier Nachlesen können was wir erlebt, erfahren und empfunden haben.
Denn wann immer wir gefragt werden, wie unsere Äthiopienreise war, fällt uns die Antwort schwer.
Einfach weil die Eindrücke so vielfältig waren, dass wir es nicht in wenigen Worten, ja nicht mal in wenigen Sätzen sagen können.

Da es sich um unser Reisetagebuch handelt, ist es oft sehr detailliert. Wenn es euch zu langatmig wird, einfach weiterscrollen und die Bilder anschauen. :laugh:
Letzte Änderung: 18 Jan 2020 14:02 von CrocV.
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18 Jan 2020 14:02 #577676
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Uns hat vor allem die alte christliche Kultur Äthiopiens zu dieser Reise bewogen und daher wollten wir diese in einer Reisegruppe mit Reiseleitung unternehmen. Um bei den Besichtigungen die Dinge nicht nur zu Sehen, sondern auch erklärt zu bekommen, WAS wir da sehen.
Unsere Wahl ist auf Rotel Tours gefallen, da wir hier schon einige Male mit sehr guten Reiseleitern unterwegs waren.
Vorne weg: Auch diesmal hatten wir eine sehr gute Reiseleiterin, die Äthiopien schon lange bereist, sich in Äthiopien und die Menschen richtig verliebt hat und mit sehr viel Herzblut ihr Wissen an uns weitergegeben hat.
(Siehe Stichwort oben: Weiterscrollen und Bilder anschauen, wenn es euch irgendwann zu viel wird. :blink: )

Das Konzept von Rotel Tours ist kurz gesagt etwas ungewöhnlich und sicher nicht jedermanns Sache.
Gefahren wird in einem großen LKW mit Fahrgastkabine für 20 Personen und dahinter den Schafkabinen. Diese sind tagsüber nicht erreichbar. Erst abends wird die Seitenwand des LKWs aufgeklappt und so entsteht ein Zugang zu den Kabinen. Jeweils 3 Kabinen sind dabei platzsparend übereinander angebracht. Hinten am LKW ist auch noch eine Küche integriert um Abendessen und Frühstück zu machen. Auch hier wird abends die Rückwand aufgeklappt und dann ist die Küche einsatzbereit. Der Fahrer ist auch Koch und zusätzlich ist auch eine deutsche Reiseleiterin (die amharisch recht gut beherrscht) mit uns unterwegs. In Äthiopien hat uns zusätzlich noch ein einheimischer Guide begleitet.





Das Ausklappen der Seitenwände und Anbringen der Plane für den Gang zu den Kabinen übernehmen wir Reisegäste. Wenn am Rotel gekocht wird, helfen wir auch beim Schnippeln und Abwasch. Keine große Sache für jeden einzelnen.
Was wir aber gleich bei unserem ersten "Rotel-Versuch" vor vielen Jahren bemerkt haben: Durch diese Zusammenarbeit der Gäste entsteht oftmals aus der bunt zusammengewürfelten Gruppe Unbekannter eine richtige Gemeinschaft.

Wir empfinden dies als echte Bereicherung, die vielen Eindrücke einer Reise in solch einer Gemeinschaft zu erleben.

Die Gruppengröße mit 20 Personen mag zwar recht groß erscheinen. Aber jetzt mal ganz unter uns:
Es ist dabei wie im echten Leben. Mit manchen Leuten versteht man sich super und mit anderen - naja, nicht so. Das war auch auf der Reise (in ganz, ganz wenigen Fällen) so. :whistle:
Und bei 20 Leuten kann man viel leichter den "Nicht-so"-Leuten aus dem Weg gehen wie bei einer Kleingruppe mit 4-8 Leuten. :evil:
Letzte Änderung: 18 Jan 2020 14:56 von CrocV.
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18 Jan 2020 15:04 #577679
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Vorneweg noch eine Bitte. Wir haben wirklich viel erklärt bekommen und es war manchmal unterwegs echt schwierig, sich wieder an alles zu erinnern und entsprechende Notizen zu machen. Sollte ich irgendwas verwechseln oder jemand eine andere Info dazu haben: IMMER HER DAMIT !

Und obwohl es keine Natur- oder Safarireise war (wer also Tierbilder haben will, bitte gar nicht weiterlesen), werde ich unterwegs doch das eine oder andere abgelichtete Vögelchen hochladen mit einem -nennen wir es mal- Vorschlag, welche Art es denn sein könnte.
Da ich als meist stiller Mitleser hier im Forum weiß, das es unter euch einige echt kompetente Vogelkundler gibt, wäre ich auch hier dankbar für jede Korrektur. B)
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18 Jan 2020 15:05 #577680
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16.11.2019 Anreise
Dieses Jahr geht es nach Äthiopien. Die uralte christliche Kultur und der blaue Nil locken uns.
Aber erst mal ist wieder die Anreise zu bewältigen. Mit Bus und Zug geht es am Samstagvormittag nach Frankfurt. Der Flieger hebt pünktlich um 12:50 Uhr ab. Der Flug verläuft ruhig. Am Abend erreichen wir ohne besondere Vorkommnisse Addis Abeba. Und auch unsere Reisetaschen sind da.
Nur die Einreise verläuft etwas chaotisch. In der Halle des Flughafens vor den Einreiseschaltern hat sich eine sehr große Menschenmenge aufgestaut. Wo jetzt genau anstellen ? Die Schalter gerade aus ? Oder doch die Schalter links ? Oder die Schalter hinter uns an der Wand ? Nach einigem Hin und her schiebt mich eine resolute junge Flughafenangestellte Richtung der Schalter hinter uns. Und siehe da: Die Einreise erfolgte hier innerhalb weniger Minuten.
Schon stehen wir in der Vorhalle bei den Ausgängen des Flughafens. Hier warten einige äthiopische Guides auf die Reisenden. Hmmm, naja. Zumindest die ANDEREN Guides. Denn wir sehen kein Rotel-Schild. Wir drehen noch eine Runde mit einigen Mitreisenden und werden dabei von einigen Guides angesprochen. Ob sie helfen können. Irgendwo anrufen ? Ein Guide klärt uns auf: Um in den Flughafen von Addis zu kommen, braucht es eine besondere Akkreditierung. Und die hat nicht jeder. Wir sollen rausgehen und dort werden wir dann unsere Reiseleitung treffen. Zögerlich verlassen wir mit etlichen Mitreisenden den Flughafen, obwohl es sonst immer bei Gruppenreisen heißt: Nie den Flughafen verlassen. Immer auf den Guide warten. Wir steigen draußen eine Treppe runter und sind auf dem Parkplatz. Kein Guide zu sehen. Ich fasse mir ein Herz und laufe ein Stück weiter nach rechts: Und siehe da. Hinter einer von Polizisten bewachten Schranke warten weitere Guides. Und da sehe ich auch das Rotel-Schild. Ich führe unsere Reiseleiterin zur Gruppe und dann geht es zu den bereitstehenden Bussen. Nachdem sich auch der Rest der Gruppe nach und nach aus dem Flughafen traut, fahren wir zum Ghion-Hotel und checken durch den Hintereingang ein, da der Haupteingang eine Baustelle ist. Gegen Mitternacht haben wir unser Zimmer bezogen und eiskalt geduscht (der Durchlauferhitzer wollte nicht so richtig). Da Addis auf 2.400 Metern liegt, wird die Nacht recht frisch. Wir haben richtig gefroren unter der dünnen Bettdecke.

Letzte Änderung: 18 Jan 2020 15:09 von CrocV.
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18 Jan 2020 15:08 #577681
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17.11.2019 Start mit Verzögerung
Nach dem Frühstück im Hotel geht es raus auf den Parkplatz zum Rotel. Wir klappen es auf und stopfen unsere Reisetaschen in unsere Kabinen. Eigentlich sollte jetzt die Tour losgehen. ABER in Addis Abeba ist am heutigen Sonntag ein Marathon. Und die Strecke führt direkt am Hotel vorbei. Alles ist abgesperrt. Kein Rauskommen. Also erst mal warten. Wir nutzen die Zeit, um schon mal die Rotelkabine einzurichten: Moskitonetz aufhängen, Leinen für Handtücher spannen etc.
Im vorderen Garten des Hotels war gestern ein Fest. Wohl wegen des Marathons. Hier stehen ein paar Zeltpavillons. Jetzt wird aufgeräumt. Wir spazieren etwas durch den hinteren Park des Hotels. Der muss mal schön gewesen sein. Jetzt ist er aber sehr verwildert. An einigen Stellen verfallen Brunnen, Gartenhäuschen und Bänke vor sich hin. Gegen 11.30 Uhr ist der Marathon vorbei und wir starten endlich Richtung Süden.



Wobei das Thema Uhrzeit und Datum in Äthiopien nicht so einfach ist. Laut Mitteleuropäischer Zeit wäre es 9:30 Uhr, nach ostafrikanischer Zeitzone eben 11:30 Uhr. Also 2 Stunden Zeitumstellung. Die Uhren gehen in Äthiopien aber ganz anders!
Da das Land nah am Äquator liegt, dauern die Tage und Nächte im Jahresverlauf ungefähr gleich lang. Darum werden die Tage jeweils in 12 Tag- und 12 Nachtstunden eingeteilt. Der äthiopische Tag beginnt mit Sonnenaufgang, das bedeutet um 6 Uhr unserer Zeit. Für die Äthiopier ist es dann 0 Uhr. 7 Uhr „unserer“ Zeit ist 1 Uhr in Äthiopien; „unser“ 18 Uhr ist äthiopisches 12 Uhr usw.
Unsere Reisegruppe wird die ganze Reise über nach der ostafrikanischen Zeit leben, denn diese Uhrzeit/Tageszeit sind wir einfach gewohnt.

Damit aber nicht genug. Der äthiopische Kalender ist eine Variante des koptischen Kalenders und läuft unserem gregorianischen Kalender 7 Jahre und 8 Monate hinterher. Das Jahr wird in 13 Monate eingeteilt. 12 Monate zu je 30 Tagen und 1 Schaltmonat mit 5 bis 6 Tagen. Das neue Jahr beginnt an unserem 11. oder 12. September.
Statt des 17.11.2019 haben wir heute also den 8. Hadar 2012. Statt 11:30 Uhr haben wir also 5:30 Uhr äthiopische Zeit. Alles klar ?
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18 Jan 2020 15:17 #577682
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Wie auch immer: Nach einigen Stunden Richtung Süden auf der B51 erreichen wir Tiya. Das Gebiet wird von Mitgliedern der Volksgruppen der Oromo und Gurage bewohnt.
Wir laufen einige Meter von der Straße weg und stehen am Eingang des Stelenfeldes.
Mehr als 30 Stelen sind hier in drei Gruppen aufgereiht.



Manche der Stelen tragen eingemeißelte Zeichen und Symbole. Tiya ist einer von neun megalithischen Standorten in der Region, an denen Menhire dieser Art gefunden wurden. Mittlerweile wurden ca. 300 Steinstelen registriert. Die Symbole auf den Stelen hier zeigen Schwerter, welche auf Krieger hinweisen könnten und teils auf den gleichen Stelen auch pflanzenähnliche Bilder.









Die Pflanze ist möglicherweise die Ensete (falsche Banane). Diese wird bei den südlichen Stämmen wie den in dieser Region lebenden Gurage, aber auch bei mehreren südlicher lebenden Ethnien wie den Wolaytta und Dorze kultiviert. Aus der Ensete kann eine teigähnliche Stärke gewonnen werden, die zu Brotfladen gebacken wird. Diese Stärke enthält neben Kohlehydraten viele Vitamine und Mineralien. Das so hergestellte Brot ist also eine vollwertige Nahrung für die Völker des Südens. Wo die Ensete angebaut wird, herrscht nie Hunger und Mangelernährung. Es wäre also durchaus möglich, das auf den Stelen eine derart wichtige Nahrungspflanze dargestellt wird. Eine Stele zeigt auch deutlich weibliche Brüste. Hier ist offensichtlich eine Frau dargestellt.






Hinter den Stelen fanden die Archäologen meist Gräber. Die Toten wurden in fast allen Fällen in Hockstellung beigesetzt. Die Stelen werden ins 12. bis 14. Jahrhundert n. Chr. datiert und sind seit 1980 Teil des UNESCO-Weltkulturerbes.
Am Eingang des Stelenfeldes bieten einheimische Frauen Kaffee an. Wir nutzen die Gelegenheit und trinken unseren ersten traditionellen äthiopischen Kaffee. Etliche werden noch folgen.

Anhang:
Letzte Änderung: 02 Feb 2020 17:40 von CrocV.
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