THEMA: Woher weiß ich, wann Notfallmedikament notwendig?
26 Apr 2018 11:22 #519728
  • Rehema
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  • Rehema am 26 Apr 2018 11:22
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Hallo Beate, und alle anderen,
dieser thread ist prima - so viel echt gute und freundliche Antworten!

Seit 1983 in Afrika unterwegs, on and off an diversen Orten gelebt, zur Zeit in Malawi mit 4 Kindern, beide sind wir Ärzte, da hoffe ich gelingt es mir, Dich zu beruhigen, damit Du Dir Deinen Urlaub nicht von Angst verderben läßt:

Erst einmal schließe ich mich an:
Laß Dich wegen Malaria nicht zu sehr verunsichern!
Wir werden tonnenweise von Mücken gestochen, und hatten im Verhältnis dafür bisher wenig Malaria (und alle auch das überlebt!!!). BItte: keine Panik wegen eines Mückenstiches!!!! Es gibt ganz viele Sorten, und nur Anopheles übertragen, Malaria. Und dann auch nur, wenn genau DIESE Mücke infiziert ist!

Gestern erst habe ich dazu in meinem therad "Botswanas Beasts & Beauty" auf eine Malaria Frage geantwortet (findest Du, glaube ich, dort auf Seite 7)

Das Thema ist komplex, ich versuche dennoch eine Zusammenfassung aus unserer Sicht:

1. Prophylaxe für einen Urlaub: das muss jeder selbst entscheiden. Es gibt zwar Richtlinien der Tropeninstitute, aber die sind auch nicht immer das einzige, was sinnvoll ist. Und man muss bedenken, dass keine Prophylaxe Dich 100% davor schützen kann!

2. Eine Malaria erkennen: nein, das kann man leider eben nicht so leicht. Auch nicht die "Profis", die jeden Tag damit zu tun haben. Malaria ist eine Krankheit, die ganz unzterschiedlich verlaufen kann, und gerade deshalb zu vielen Fehldiagnosen führt!
Grundsätzlich gilt: hohes Fieber, starke Gliederschmerzen, hämmerndes Kopfweh, allgemeines Gefühl von "darf ich bitte sterben" - immer an Malaria denken! (ich hab aber bei einer VirusGrippe ind Deutschland mal gedacht: "darf ich bitte lieber Malaria haben - das fühlt sich ähnlich an und man kann es wenigstens behandeln!!!").
Ferner haben viele Menschen auch Bauchschmerzen, Übelkeit und Erbrechen.
Von allen diesen Dingen können aber eben oft auchnur manche Symptome auftreten!!!
Ich bekommen z.B. sogar kaum Fieber (das ist extrem untypisch), habe aber bei Malaria schlimmen Schüttelfrot und bin so schlapp, dass ich nicht mal aufstehen und mir eine Tablette holen will!
Unsere Kinder hingegen hatten immer sehr hohes Fieber, und wurden recht schnell schläfrig.
Deine Frage, wann man das erkennt, ist also mehr als berechtigt!!!

3. Notfallmedikament hü oder hott:
Hm... das finde ich jetzt schwierig, und bitte, das hier ist meine PERSÖNLCIHE Meinung, auf die man mich nicht rechtlich fest nageln kann!
Ich halte es für gut, ein Medikament mit zu haben. Alleine deshalb, weil an manchen Orten Afrikas (auch wenn es das eigentlcih in jeder Apotheke gibt), manchmal keines zu kaufen gibt (weil der Apotheker es für teures Geld verschoben hat....). Namibia mag da anders sein als die Länder, die ich kenne.
WENN es einem, wie oben beschrieben, so schlecht geht, und das auch am 2. oder 3. Tag (länger würde ich nicht fackeln!), und man tatsächlich nicht an einen Arzt, KH oder Dispensary herankommen sollte, dann würde ich es "blind" schlucken!
Ich vermute, Ihr habt Malorone bekommen - das bringt einen nicht um, wenn man es schluckt, falls es keine Malaria wäre.
Wir persönlich würden das hier gängige "Lumefantrin/Artemeter" vorziehen - sowohl mein Mann als auch ich haben mit Malorone keine guten Erfahrungen gemacht (haben darauf beide erst schlimme Übelkeit und Erbrechen bekommen, und sind dann auf Lumefantrin/Artemeter umgestiegen, was bei uns in allen Fällen bisher gut angeschlagen hat - sowohl bei uns Erwachsenen als auch bei unseren Kindern!)
Letzteres Medikament kann man zumindest im östlichen Afrika überall billig kaufen - über Namibnia kann ich leider nichts sagen.

4. Die bereits genannten "Schnell-Tests" halte ich für eine SEHR gute und empfehlenswerte Sache! Sie testen auf Antigen der Plasmodien - also nicht auf Antikörper (das wäre die Immunantwort deines Körpers), und haben deshalb eine sehr hohe Verläßlichkeit. Ich glaube, ca. 98 % der Schnelltest Aussagen sind richtig!
Den Test kann jeder klar denkende Mensch alleine durchführen - es ist eine Mini Lanzette drin, mit der muss Dich einer in den Finger pieksen, dann nimmt man einen Topfen Blut, tut es in die dafür vorgeschriebene Stelle, und einen Tropfen Trägerflüssigkeit und kann das ganze in 10 bis 20 min. ablesen. BItte Packungsanlage genau lesen, damit man es richtig macht!
In Malawi kosten die DInger in den Apotheken 1 Euro!
Ich gehe davon aus, dass es sie auch in Namibiazu kaufen gibt. Kauf dir gleich 3 oder 5 Stück, und solltest Du tatsächlich in die Verlegenheit kommen, ihn benutzen zu müssen: sollte er negativ sein, kannst Du erst mal aufatmen - aber ich würde, wenn die Symptome an nächsten Tag weiter bestehen, nochmal testen.
Damit könntest Du immerhin handeln, wenn es umständlich wäre, einen Arzt azufzusuchen. Und dann könntest Du acuh bei einem positiventest die Medikamente einnehmen!

5. Ja, am besten wäre, einen Arzt oder eine Dispensary aufzusuchen! Klar!
Aber leider müssen wir sagen: das, was wir hier in diversen Ländern erlebt haben, wie medizinisches Personal in Dispensaries oder allgemein in staatlichen KH mit Malaria Verdacht umgeht, ist teilweise haarsträubend! Andrerseits gibt es sehr viele einheimisches Personal, das echt viel gute Ahnung und Erfahrung hat - erfahrungsgemäß triffst Du diese eher in privaten/kirchlichen KH in Afrika an!
Namibia mag anders sein - da muss ich passen.

6. Bitte v.a. wenn man wieder zu Hause ist bei evtl. Symptomen immer dran denken, dass es noch eine Malaria sein kann, und den Arzt darauf aufmerksam machen! Die "Horrorgeschichten" zu Malaria in Deutschland, z.B.. sind oftmals deswegen so gelaufen, weil man zu spät auf die Idee kam, dass es Malaria sein kann!

7. Solle dir jemand mit einem Blutausstrich, z.B. in einer Dispensary, eine positive Malaria bestätigen, Du Medikamente nehmen, und das ganze schlechter werden, gibt es zwei, genau genommen drei Möglichkeiten:
Entweder das Medikament wirkt nicht, und man muss was anderes nehmen (das müssen Ärzte dann entscheiden!)
oder man hat gar keine Malaria, sondern was anderes!!! Letzteres ist und in Tanzania mal passiert, als wir noch frisch in der Sprachschule waren, und unser damals 5.Jähriger einen positiven Test hatte. Da wir therapierten, haben wir die nächsten 2 Tage an nichts anderes gedacht. Erst als es echt schlimm um ihn stand und wir viel knobelten, kamen wir drauf, dass es wahrscheinlich Typhus war und haben sofort das entsprechende Antibiotikum gegeben, worauf er sich schnell besserte!
Oder man hat Malaria UND etwas anderes. Dann barauchst Du aber auch einen Arzt.

Und nun lehn Dich bitte trotz alle meiner "was alles sein kann" nochmal entspannt zurück und freu Dich auf Deine Reise!
Herzliche Grüße,
Antje
Lebten 2015-2018 in Malawi. Früher in Kenya und Tanzania gelebt.
Fahrten durch Kenya, TZ, und Malawi. Bisschen Zambia.
Botswana April 2018
Letzte Änderung: 26 Apr 2018 11:30 von Rehema.
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26 Apr 2018 14:34 #519755
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  • imme1968 am 26 Apr 2018 14:34
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Vielen Dank Antje!!
Auch ich reise in den nächsten Tagen nach Namibia, und war mit der Beratung des Tropeninstituts irgendwie nicht zufrieden....
aber Deine Ausführungen haben mir viele Informationen und ein Stück weit Sicherheit gegeben.....deshalb VIELEN DANK!!!

Bleibt gesund und beste Grüße aus dem im Aprilwetter festhängenden Hannover

Imme
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26 Apr 2018 19:42 #519784
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  • Beate67 am 26 Apr 2018 19:42
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Das waren ja wirklich noch einmal wertvolle und vor allen Dingen freundliche Hinweise, liebe Antje.

Bei uns geht es morgen los. Bin schon sehr aufgeregt.

Das Notfall-Medikament, das uns der Tropenmediziner empfohlen hat, ist Atovaquon/Proguanil und das habe ich auch besorgt. Ich werde es damit genauso handhaben, wie hier empfohlen.

Wenn wir wieder zurück sind, werde ich mich mal melden, ob ich es denn benutzt habe.

Bis dahin herzliche Grüße von Beate
Letzte Änderung: 26 Apr 2018 19:48 von Beate67.
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26 Apr 2018 21:46 #519796
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Hallo Beate67, bei den Wirkstoffen handelt es sich im Orginal um Malarone!
LG NOGRILA
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26 Apr 2018 22:01 #519798
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Rehema schrieb:
4. Die bereits genannten "Schnell-Tests" halte ich für eine SEHR gute und empfehlenswerte Sache! Sie testen auf Antigen der Plasmodien - also nicht auf Antikörper (das wäre die Immunantwort deines Körpers), und haben deshalb eine sehr hohe Verläßlichkeit. Ich glaube, ca. 98 % der Schnelltest Aussagen sind richtig!

... bei einem positiven Ergebnis mag das sein.
Bei falscher Handhabung kommen aber oft negative Ergebnisse raus, auch wenn Malaria vorliegt. Und gerade die Handhabung ist manchmal ein Problem, wenn man den Umgang nicht gewohnt ist. Das fängt mit dem Pieksen für den Bluttropfen schon an. Habe es schon selbst gesehen, wie damit hantiert wurde und was am Ende rauskam ...
Wenn kein Arzt erreichbar ist, ist so ein Schnelltest natürlich besser als nichts, genauso wie die Einnahme von Medikamenten auf Verdacht, aber 99,9% der Touristen werden innerhalb weniger Stunden einen Arzt erreichen können.

Gruß
Wolfgang
Mit dem Fahrrad unterwegs in Namibia, Zambia, Zimbabwe, Malawi, Tanzania, Kenya, Uganda, Kamerun, Ghana, Guinea-Bissau, Senegal, Gambia, Sierra Leone, Rwanda, Südafrika, Swaziland, Jordanien, Thailand, Surinam, Französisch-Guyana, Alaska, Canada, Neuseeland, Europa ...
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